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LEBEN

 

 

 

LEBENSLAUF

 

 

 

1971

geboren am 29. Januar in Marl

1988

Studienaufenthalt in London;
Kompositionsstudium bei Giselher Klebe an der Hochschule für Musik in Detmold

1990

Begegnungen mit Hans Werner Henze;
Einladung nach Montepulciano zu den "Cantiere Internazionale d'Arte" 1991/92

1991

Förderpreis des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart

1992 - 1994

Kompositionsstudium bei Manfred Trojahn an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf;
Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes

1992


1. Preis beim Hitzacker-Kompositionswettbewerb
1. Preis beim Kompositionswettbewerb des Agosto Corcianese (Perugia)

1993

Stipendium "Rolf-Liebermann-Preis" der Körber-Stiftung Hamburg für Opernkomposition;
Wilfried-Steinbrenner-Stipendium der Dramatiker-Union Berlin

1993/94

Paris-Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes

1994

Einladung zum Wiener Kompositionsseminar mit Peter Eötvös / Helmut Lachenmann und dem "Klangforum Wien";
"Prix de la SACEM" (Paris)

1995

Einladung zum Symposium "Komponist/ Dirigent" beim Festival "Musik der Jahrhunderte" Stuttgart unter Peter Eötvös;
"Kasseler Kunstpreis"

1996

DAAD-Stipendium für einen Jahresaufenthalt in London;
Preis für Opernkomposition der Körber-Stiftung Hamburg für "Thomas Chatterton"

1997

"Composer in residence"  bei den Salzburger Festspielen u.a. Uraufführung der „Fünf Orchesterstücke“ durch das Philharmonia Orchestra London unter Kent Nagano

1998

Uraufführung der Oper "Thomas Chatterton" an der Sächsischen Staatsoper (Semperoper) Dresden

1999

Prix Prince Pierre de Monaco für "Thomas Chatterton";
Kulturpreis der VR-Leasing AG (Frankfurt);
Uraufführung der „Hérodiade-Fragmente“ durch das Berliner Philharmonische Orchester unter Claudio Abbado (Sopran: Christine Schäfer)

1999/2000

"Composer in residence" am Nationaltheater Mannheim

2000

Kompositionspreis der Salzburger Osterfestspiele;
Hindemith-Preis des Schleswig-Holstein Musik Festivals;
Uraufführung von „Sur „‘Départ‘“ durch das NDR-Sinfonieorchester unter Christoph Eschenbach

2000-2002

"Composer in residence" beim Cleveland Orchestra
dort Uraufführung von „with lilies white“ durch Christoph von Dohnányi

2001

Grand Prix l' Académie Charles Gros für Teldec CD in der Reihe "New Line";
Cecilia-Preis (Belgien)

2002

Hans-Werner-Henze-Preis (Westfälischer Musikpreis)

2002/2003

"Composer in residence" am Konzerthaus in Dortmund

2003

Alte Oper Frankfurt „Auftakt“-Komponistenporträt und Symposium;
Uraufführung des Violinkonzertes „en sourdine“ durch die Berliner Philharmoniker unter Peter Eötvös (Solist: Frank Peter Zimmermann)

 

 

2004

 

 

Uraufführung von "L'Espace dernier" an der Opéra Bastille, Paris;
Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste München;
Debut in der Carnegie Hall, New York, mit dem Werk „Hérodiade-Fragmente“;
In den USA Zusammenarbeit u.A. mit Cleveland Orchestra, Philadelphia Orchestra, Chicago Symphony Orchestra

2006

Uraufführung des Cellokonzertes „Reflections on Narcissus“ durch das Orchestre de Paris unter Christoph Eschenbach (Solist: Truls Mork);
Uraufführung des Orchesterwerkes „Osiris“ durch die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle;

“composer in residence” bei Ars Musica (Brüssel)
„composer in residence“ beim Lucerne Festival, dort u.a.Uraufführung von “Transir” für Flöte und Kammerorchester durch Emmanuel Pahud und das Mahler Chamber Orchestra unter Daniel Harding

 

2006/7 composer in residence beim RSO Saarbrücken

 

ab 2007 Professur an der Hochschule für Musik und Theater in München

 

 

Matthias Pintscher arbeitet als Dirigent mit renommierten Orchestern und Ensembles weltweit:

 

so z. B. mit dem

ensemble modern (Frankfurt), ensemble intercontemporain (Paris),

Klangforum Wien, Avanti! (Helsinki), ensemble contrechamps (Genf),

remix ensemble (Porto), Scharoun-Ensemble der Berliner Philharmoniker

 

 

The Cleveland Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Staatskapelle Berlin,

DSO Berlin, RSO Berlin, NDR Hamburg, SWR Stuttgart, MDR Leipzig,

RSO Saarbrücken, Museumsorchester Frankfurt, RSO Wien,

Luzerner Sinfonieorchester, Danish Radio Symphony Orchestra,

Orchestre National de Strasbourg

 

 

Der Komponist lebt in Frankfurt und in Paris.

 

 

 

 

 



Kreisende Bewegung, Aufbruch ins Offene

Ein Porträt des Komponisten Matthias Pintscher

 

von Markus Fein

 

Paris, Rue de Villejust Nummer 40, vierter Stock. Im Salon der Juli Manet steht Edgar Degas vor einem Fotoapparat. Neun Petroleumlampen leuchten den Saal aus. Als Degas den Auslöser betätigt, verharren die beiden porträtierten Personen 15 Minuten lang in ihrer Position: Links, auf dem Sofa, der Maler Renoir. Rechts, neben ihm stehend: Stéphane Mallarmé, der große französische Dichter des Symbolismus. Tage später ist der Fotoabzug fertig; erst jetzt kann man das geschickte Bild-Arrangement von Degas bestaunen. Das Foto zeigt nämlich nicht nur die beiden Künstler, sondern gibt auch eine Ahnung von der großbürgerlichen Wohnung, in der sich die Szene abspielt. Über Renoir ist ein Spiegel zu sehen. Und dieser wirft den Blick des Betrachters zurück in den Raum, wie man das etwa von den Bildern Jan van Eycks kennt. Der Fotograf als Maler? Vielleicht hatte Degas die vieldeutigen Bilderwelten der altniederländischen Malerei vor Augen, als er im Jahr 1895 dieses Foto machte. Die Aufnahme entpuppt sich jedenfalls bei genauerer Betrachtung als eine geheimnisvolle Inszenierung, denn in dem verschwommenen Spiegelbild zeichnen sich die Umrisse von weiteren Personen ab: Madame Mallarmé und ihre Tochter sind darin schemenhaft zu erkennen; auch Degas selbst, verdeckt durch das helle Leuchten der Petroleumlampen, ist vage als Schattenfigur zu sehen.

 

Wer die Musik von Matthias Pintscher hört, der betritt ähnlich irreale Räume wie in dem Foto von Degas. Entrückt, wie aus der Ferne tönt seine Musik. Klänge irrlichtern unfassbar durch den Raum, so mysteriös wie die Schattenfiguren von Degas. Und da Pintscher seine musikalischen Spiegelwelten mit großer Subtilität arrangiert, ist er auf die genaue Aufmerksamkeit des Hörers angewiesen. Schon beim ersten Eindruck spürt man, dass hier ein feinsinniger Künstler am Werk ist und eine Musik von großer poetischer Schönheit schreibt. Selten zuvor hat ein Komponist seine Klanggebilde mit so viel Vorsicht in die Welt gesetzt. Fragil klingt seine Musik – vor allem in den Kammermusikwerken der letzten Jahre, die eine Reise in das Innenleben der Töne unternehmen. Doch auch dort, wo seine Musik wie ein Körper atmet und zittert, wo Klangmassen dröhnen, spürt man, wie verletzbar diese Kunst ist. Matthias Pintscher komponiert eine auratische Musik. Sie will mit dem banalen Alltag nichts zu tun haben und propagiert stattdessen ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Die Freiheit der Musik – das ist ein lang gehegter Wunschtraum der Komponisten, denn die Theorie und das Metier legen Ketten an die Töne. Wenn es einen Grundgestus der Musik von Matthias Pintscher gibt, dann ist es vielleicht jene Bewegung der Freiheit, die den Tönen eine schwebende Leichtigkeit verleiht. „Gambenhaft, leicht und schwebend“, heißt es in der Partitur von „in nomine“ für Viola solo (1999); der Klavierkomposition „on a clear day“ (2004) ist die Vortragsbezeichnung „evenly floating and swaying“ vorangestellt. Über das Stück „Janusgesicht“ für Viola und Violoncello (2001) schreibt Pintscher im Partiturnachwort: „Es sind stille, atmende Töne zu langsamer und doch ganz freier Musik. Zwei Stimmen, zart schwebend, im ‚Einklang’.“ Frei ist diese Musik, da sie der gemessenen Zeit enthoben ist und nicht das Korsett von Takten kennt. Sie fließt und strömt in ihrem eigenen Rhythmus.

 

Matthias Pintscher ist ein Unzeitgemäßer. Seine Ars subtilior will so gar nicht in die plakative und laute Welt passen, die uns heute umgibt. Da verwundert es beinahe, dass der Musikbetrieb früh auf seine eminente Begabung aufmerksam geworden ist. 1971 im nordrhein-westfälischen Marl geboren, studiert Pintscher zunächst Klavier, Violine und Schlagzeug. Als er mit vierzehn Jahren zum ersten Mal das Städtische Jugend-Sinfonieorchester seiner Heimatstadt dirigiert, wächst in ihm der Wunsch zu komponieren, „das Orchester selbst zu beatmen“. 1988 nimmt er als Jungstudent ein Kompositionsstudium bei Giselher Klebe in Detmold auf; zwei Jahre später trifft er auf Hans Werner Henze, dessen Idee eines „imaginären, instrumentalen Theaters“ Pintscher zu einer erzählenden, gestischen Musik inspiriert. Henze ist es auch, der den Anstoß zu einer Beschäftigung mit dem um 1560 geborenen Komponisten Carlo Gesualdo gibt. Aus der Auseinandersetzung mit dem Madrigal „Sospirava il mio core“ entsteht das vierte Streichquartett; Pintscher nennt es im Untertitel „Porträt“: „Ritratto di Gesualdo“. Noch während des Kompositionsstudiums bei Manfred Trojahn, das sich anschließt, erntet Pintscher erste Erfolge. Spätestens seit den Porträtkonzerten bei den Salzburger Festspielen 1997 sowie der Premiere seiner Oper „Thomas Chatterton“ an der Dresdner Semperoper 1998 ist seine internationale Karriere nicht mehr aufzuhalten. Heute zählt Pintscher zu den anerkannten und international renommierten Komponisten unserer Zeit.

 

Der äußere Umriss solcher Komponistenkarrieren verstellt den Blick dafür, dass auch Zweifel und Unsicherheit die innere Biografie begleiteten können. Matthias Pintscher zählt zu jenen Komponisten, die ihren musikalischen Standort stetig reflektieren, ja, die sich an der Kunst abarbeiten. Wie die literarische Figur in Arthur Rimbauds Gedicht „Départ“ – ein Schlüsseltext für sein musikalisches Denken – ist auch Pintscher immer im Aufbruch. Diesem langsam tastenden und fragenden Entstehungsprozess steht ein umfangreicher Werkkatalog gegenüber, der alle Gattungen einschließt und bis zur Oper reicht. Lässt man die Werke der letzten 15 Jahre Revue passieren, erkennt man Entwicklungen innerhalb seines Schaffens. Man sieht, wie der Komponist allmählich seine Partituren gelichtet und dem Tonsatz eine immer subtilere Gestalt gegeben hat. Seine frühen, hoch expressiven Orchesterstücke wölben sich bedrohlich wie eine vibrierende Glocke; heute wendet Pintscher den Spannungsgehalt seiner Musik nach innen. Im Rückblick zeichnen sich jedoch auch die Konstanten seiner Arbeit ab. In der Farbenvielfalt und Raffinesse seiner Klangsprache, aber auch in der Ausrichtung seiner Kunstauffassung war Pintscher immer ein musicien français. Den meisten Stücken von Matthias Pintscher ist neben der Vorliebe für den fein ausgeleuchteten Klang eine Dramaturgie der Gegensätze gemein: Töne am Rande der Stille und ekstatischer Raumklang, filigrane Zeichnung und brutale Klangeruption wechseln einander ab und bespiegeln sich gegenseitig.

 

Früh begab sich Pintscher auf die Suche nach einem Klangideal, das heute ein unverwechselbares Merkmal seiner Musik ist: das Vage. Matthias Pintscher hat ein ausgesprochenes Faible für das Zweideutige und Unscharfe. Dieses Interesse machte ihn empfänglich für die Literatur des amerikanischen Autors Edward Estlin Cummings (1894-1962), der in vielen seiner Gedichte dem Vagen eine Stimme gab. In „the hours rise up“ hat Cummings ein Gedicht über das Zwielicht verfasst: über das hereinbrechende Licht bei Tagesanbruch, das Aufwachen der Stadt, die Träume und Obsessionen der Menschen und das allmähliche Verschatten bei Einbruch der Dunkelheit. Wie dieses Gedicht in den Ohren von Matthias Pintscher geklungen hat, kann man in „a twilight’s song“ für Sopran und sieben Instrumente (1997) nachvollziehen. Das Schattenspiel von Licht und Dunkel ist dort in eine atmosphärisch dichte Musik der Zwischentöne transformiert. Die Suche nach dem entrückten und unangreifbaren Klang hat Matthias Pintscher seitdem nicht mehr aufgegeben. In den „Liedern und Schneebildern“ für Sopran und Klavier (2000) hat er erneut auf Texte von Cummings zurückgegriffen. Und auch hier, in den Gedichten von Dämmerung, Mond und Winter, lauscht Pintscher verhangenen, kargen Landschaften nach. Vier Jahre später eröffnet Pintscher mit „Study I for Treatise on the Veil“ einen Zyklus von Kammermusikwerken, der dem amerikanischen Maler Cy Twombly (*1928) gewidmet ist. Twombly hat sich ein ganzes Malerleben mit dem Vagen auseinandergesetzt. Auf einen meist cremefarbenen Hintergrund setzt er sparsam seine Zeichen und Buchstaben, um sie durch Übermalungen und Verwischungen zum Schweben zu bringen. Pintschers „Traktat über den Schleier“ ist eine Verbeugung vor dieser Kunst der verwischten Schraffur.

 

Die Wechselwirkung zu den anderen Künsten ist im Schaffen Pintschers kein Einzelfall. „Dernier espace avec introspecteur“ für Akkordeon und Violoncello aus dem Jahr 1994 versteht sich als Betrachtung einer Raumplastik von Joseph Beuys (1921-1986). Ein anderer Bezugspunkt ist Alberto Giacometti (1901-1966). Der fünfteilige „Figura“-Zyklus für Streichquartett und Akkordeon (1997-2000) ist aus der Auseinandersetzung mit dem bildhauerischen Werk Giacomettis entstanden und bezieht sich auf die späten Plastiken des Schweizer Bildhauers. Immer wieder folgt die Musik Risslinien, Klang kippt in Geräusch oder Stille um. Dass sich die Musik dabei innerhalb eines äußerst reduzierten Materialvorrats bewegt, darf als Verweis auf Giacometti verstanden werden: Wie dieser „zeichnet“ auch Pintscher in fein abgestuften Grautönen; was er im Sinn hat, ist eine plastische Raummusik, die das Detail in immer neuen Ansichten beleuchtet. Etwas anderes kommt hinzu: Beide Künstler, Giacometti wie Pintscher, setzen ihr Material gezielt Verletzungen aus. Auf dem Weg der Entmaterialisierung lässt Giacometti ausgemergelte Körper zurück, deren Oberfläche so krude aufgerauht ist wie die abgeplatzten Wände seines Ateliers. Pintschers Musik bezieht aus dieser Form der bedrohten Schönheit ihre Poesie.

 

Matthias Pintscher ist ein Klang-Besessener. Wer einen Blick auf seine Partituren wirft, der sieht, mit welcher Genauigkeit er seine Klanglandschaften arrangiert. Der Notentext ist gespickt mit präzisen Spielanweisungen für die Musiker. Unter den Händen der Musiker verwandelt sich dieser akkurate Notentext in eine Musik von großer poetischer Kraft. Matthias Pintscher komponiert eine bildstarke Musik. Sie tritt dem Hörer hier als schwebende, lichthelle Klangfigur entgegen, dort als mächtig sich auftürmende Klangmasse. „Choc“ für großes Ensemble aus dem Jahr 1996 ist so ein Werk. Pintscher schrieb es unter dem Eindruck der Lyrik von Arthur Rimbaud. Und wie dieser eine gleißende Welt beschwört, die sich an Gegensätzen berauscht, so komponiert Pintscher eine Musik, die sich aus dem Zusammenstoß unterschiedlicher Klangwelten entzündet. „Choc“ lebt von der Setzung eruptiver Klangereignisse – und ihrem Nachklang. Auf das Dröhnen und Schreien gewaltiger Klangmassen antwortet nachbebender Ausklang.

 

Wie wichtig Matthias Pintscher die Konzeption eines musikalischen Raums ist, belegt ein Blick in die Noten: Von seinen frühen Orchesterpartituren an finden sich Hinweise, in denen er die Aufstellung der Orchestermusiker genau festlegt. In der Partitur seines Violinkonzerts „en sourdine“ (2002) schreibt er präzise vor, wie das Orchester in zwei symmetrische Gruppen geteilt wird. Der Solist fungiert dabei als ein Prisma, das die Klänge sammelt und in die verschiedenen Richtungen des Orchesters ausstrahlt. Haben diese Klänge einmal ihre Reise angetreten, werden sie subtil in ihrer Gestalt verändert, farblich gebrochen oder als verzerrtes Echo wieder zurückgeworfen. In „Sur Départ“ (2000) – und anderen Werken – spannt der Komponist seine musikalischen Resonanzräume sogar bis in das Auditorium hinein: Drei im Konzertsaal verteilte Celli und Frauenstimmen greifen das Flüstern, Zittern und Beben des Orchesters auf – und werfen ihren Klangschatten zurück auf das Podium. Matthias Pintschers Raummusiken sind jedoch weit mehr als eine rein musikalische Recherche. Für ihn ist das Interesse an klangräumlichen Wirkungen eng mit seinem künstlerischen Denken an sich verbunden. Angesprochen auf den Entstehungsprozess seiner Werke, berichtet er von „Klangräumen“, die sich als erste musikalische Ahnung in sein inneres Ohr einprägen. Als er auf Beschreibungen von illusionären Räumen in einem Sterbeprotokoll des englischen Filmemacher, Maler und Autor Derek Jarman (1942-1994) stößt, wird er zu der Komposition „with lilies white“ (2001/02) für großes Orchester und Stimmen angeregt. Jarmans Texte, die in dem Werk von einem Knabensopran und drei Sopranstimmen gesungen werden, beschreiben Räume an der Grenze zwischen Leben und Tod, „Durchgangslager“, „Warteräume“, „ortlose Räume, die still sind und jeden Klang, Ton oder Worte verschlucken“, so der Komponist. „This is the song of my room“ – bei Pintscher klingt er leise, fahl, klaustrophobisch, irreal.

 

Die Werke von Matthias Pintscher sind dem Alltag entrückt. Einigen mögen sie deshalb als Klanggespinste erscheinen, die sich im schönen Glanz gefallen. Aber das trifft es nicht. Denn wer seine Musik so beschreibt, der verkennt, dass sie verborgene Geschichten in sich trägt. Wer genau hinhört, der erfährt viel über die Person des Komponisten. Vertieft man sich in seine Musik, so spürt man, dass Matthias Pintscher seine Aussagen vor einem allzu schnellen Zugriff schützen möchte. Seine Kunst ist deshalb am Rand angesiedelt. An jenen entlegenen Orten neue Erfahrungen zu machen, ist das Versprechen seiner Musik.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

WERKE:

 

 

 

 

 

MUSIKTHEATER

 

L’Espace dernier

 

Musiktheater en quatre parties sur des textes et images autour de l‘œuvre et de la vie d’Arthur Rimbaud. Livret du compositeur (französisch) (2002/2003). BA 7750, Aufführungsmaterial leihweise

 

Sänger: Dramatischer Koloratursopran, Koloratursopran, Dramatischer Mezzosopran, Lyrischer Sopran, Charakterbassbariton, Tenor (Spinto)

 

Chor: 16 solistisch geführte Stimmen (8 Soprane, 8 Mezzosoprane)

 

Sprechrollen: La Femme (Vitalie Rimbaud, Isabelle Rimbaud und Mutter Rimbaud) / L‘Homme (Djami, afrikanischer Diener und Begleiter von Rimbaud)

 

Statisten

 

Orchestergruppe I

Fl (auch BFl), 2 Klar (1.auch Es-Klar), Fag - 4 V, 3 Va, 2 Vc, 2 Kb (fünfsaitig, 1. teilweise mit Live-Elektronik)

 

Orchestergruppe II

Fl (auch Picc), BKlar (auch KbKlar), BarSax - 4 V, 3 Va, 2 Vc, 2 Kb (fünfsaitig)

 

Orchestergruppe III

Fl (auch Picc), 2 Ob (2. auch Eh), Klar (auch BKlar), Kfag (auch Fag) - 4 V, 3Va, 2 Vc, 2 Kb (fünfsaitig, 1. teilweise mit Live-Elektronik)

 

Übriges Orchester: 4 Hn, 3 Trp, 3 Pos, KbTub - Hfe - Klav, Cel, Akk - Schlg (7 Spieler: 4 im Graben, 3 räumlich verteilt) - 3 Vc (räumlich verteilt) - Elektronik (zusätzlich ein Keyboard-Spieler im Orchestergraben) / abendfüllend

 

Uraufführung am 23. Februar 2004 in Paris: Opéra Bastille, Leitung Kwamé Ryan, Inszenierung und Bühnenbild Michael Simon, Kostüme Anna Eiermann, Choreographie Ron Thornhill, Video Dominik Rinnhofer, Musikelektronik Christian Cluxen

 

 

Gesprungene Glocken

 

Musiktheater auf Woyzeck-Motive von Georg Büchner, Texte von Jean Paul, Arthur Rimbaud und aus der Offenbarung des Johannes für Koloratursopran, zwei Schauspielerinnen, Tonband und Ensemble (1993/94; rev. 2000). BA 7358, Aufführungsmaterial incl. Tonband leihweise

 

Orchester: 0, 0, 1 (auch Es-Klar), BKlar, 1 (auch Kfag) - 1, 1, 2, 0 - Schlg (2) - Hfe, Klav - Str (0, 2, 2, 1) - Tonband / 60 Minuten

 

Uraufführung am 25. April 1994 in Berlin: Parochialkirche, Brigitte Eisenfeld (Sopran), Michaël Denard und Henno Garduhn (Sprecher), Deutsche Staatsoper Berlin, Choreographie Jorma Uotinen, Kostüme Hannelore Wedemeÿer, Staatskapelle Berlin, Musikalische Leitung Matthias Pintscher

 

Erstaufführung der Neufassung am 8. April 2000 in Mannheim: Nationaltheater, Elsbeth Reuter (Die junge Frau, Koloratursopran), Ariane Andereggen (Die Frau), Janet Haufler (Die alte Frau), Philipp Vandré (Klaviersolo), Mannheimer Nationaltheater-Orchester, Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme Michael Simon, Dramaturgie Dietmar Schwarz, Musikalische Leitung Stefan Blunier

Gastspiel in multimedialer Neukonzeption am 21. Juli 2000 in Hannover, EXPO, Kulturprogramm Deutscher Pavillon

 

 

Thomas Chatterton

Oper in zwei Teilen nach Hans Henny Jahnn. Libretto von Claus H. Henneberg und dem Komponisten (1994-98). BA 7371, Aufführungsmaterial leihweise, Studienpartitur und Klavierauszug käuflich

Personen: Thomas Chatterton (hoher Charakterbariton) / Aburiel (Sprechstimme) / Sarah Chatterton (Mezzosopran) / William Smith, Thomas' Freund (hoher, leichter Tenor) / Peter Smith, dessen Bruder (lyrischer Tenor) / John Lambert, Advokat (Baßbariton) / Richard Smith, Brauer, Vater von William und Peter (Bariton) / William Barrett, Kaufmann in Bristol (Baß) / Georges Symes Catcott, Kaufmann in Bristol (Tenor) / Henry Burgum, Kaufmann in Bristol (Bariton) / Nancy, eine Prostituierte (Sopran) / Arran, ein Strichjunge (Sprechrolle) / Madame Angel, Thomas' Zimmerwirtin (Sopran) / Master Cheney, ein Chorknabe (Knabensopran) / Sir Abraham Isaac Elton, Notarzeuge (stumme Rolle) / Erscheinung des Mönchs Thomas Rowley (stumme Rolle) / Erscheinungen (stumm) / 4 Sopranstimmen (aus dem Orchestergraben)

 

Orchester: 3 (1. und 2. auch Picc, 3. auch AFl), 2 (2. auch Heckelphon), Eh, 2 (2. auch Picc-Klar), BKlar, KbKlar, 2, Kfag - 4, 4, 3, KbTub - Pk, Schlg (3) - Hfe, Cel/Harm, Klav/Cemb - Str (12, 10, 8, 6, 5; fünfsaitig) - 2 TBfl / abendfüllend

 

Uraufführung am 25. Mai 1998 in Dresden: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper), Inszenierung und Bühnenbild Marco Arturo Marelli, Kostüme Dagmar Niefind-Marelli, Staatskapelle Dresden, Musikalische Leitung Marc Albrecht

 

 

- Reduzierte Fassung (1999/2000). BA 7707, Aufführungsmaterial leihweise

 

Orchester: 3 (1. und 2. auch Picc, 3. auch AFl), 2 (2. auch Heckelphon), Eh, 2 (2. auch Picc-Klar), BKlar, 2, Kfag - 4, 0, 3, KbTub - Pk, Schlg (3) - Hfe, Cel/Harm, Klav/Cemb - Str (10, 8, 6, 6, 5; fünfsaitig) - 2 TBfl / abendfüllend

 

1. Aufführung der reduzierten Fassung am 20. Mai 2000 in Wien: Volksoper Wien, Inszenierung Tilman Knabe, Bühnenbild Alfred Peter, Kostüme Kathi Maurer, Orchester der Volksoper Wien, Musikalische Leitung Oswald Sallaberger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ORCHESTERWERKE

 

 

 

towards Osiris

study for orchestra (2005). BA 7777, Aufführungsmaterial leihweise

 

Besetzung: 3 (2. und 3. auch Picc), 2, Eh, 2, BKlar (auch KbKlar), 2, Kfag - 4, 3, 2, BPos, 1 - Schlg (4) - 2 Hfe, Klav, Cel - Str (14, 12, 10, 8, 6; Kb 5-saitig) / 8 Minuten

 

Uraufführung am 16. März 2006 in Berlin, Philharmonie: Berliner Philharmoniker, Leitung Sir Simon Rattle

 

Während meiner ersten Überlegungen für die Konzeption eines Orchesterwerkes,

welches später den Titel towards Osiris tragen sollte, begegnete ich einer in den

1970er-Jahren entstandenen Arbeit von Joseph Beuys, die verstreute Einzelteile

zeigt (Schnittmuster aus Karton, die ursprünglich für seine Arbeit „Filzanzug“ entstanden waren),

die in einer freirhythmischen Sequenz auf eine nackte, unbehandelte Leinwand montiert sind.

Die beeindruckende Arbeit wurde von Beuys „Osiris“ genannt und inspirierte mich,

über den unmittelbaren Eindruck in der Begegnung mit dieser besonderen Arbeit hinaus,

mich mit dem Osiris-Mythos auseinanderzusetzen und der Bedeutung dieses Stoffes über Jahrhunderte nachzuspüren.

Das Todesschicksal des Fruchtbarkeitsgottes, Sohn der Himmelsgöttin Nut und des Erdgottes Geb,

steht für mich im Vordergrund meiner Betrachtung. Nach dem Brudermord verbleibt Osiris im Totenreich,

wo er als Jenseitsrichter weiterwirkt. In der ägyptischen Mythologie ist der Tod eines jeden Menschen eng

mit dem Schicksal des Osiris verbunden. Besonders berührt hat mich die Figur der Isis, Osiris’ liebende

Schwester und Gemahlin, die ihren Mann nach der Zerschlagung durch den wütenden Bruder,

den Kampfgott Seth, allein durch die Kraft ihrer Liebe wieder zusammensetzen kann

und den rekonstruierten Körper des Geliebten durch das weite Ausschwingen ihrer Flügel wiederbelebt.

Vorher hatte sie in verzweifelter, ausdauernder Suche die am Nilufer verstreuten Einzelteile ihres Gemahls zusammengesucht.

Hieraus ergibt sich für mich eine Formstruktur von verschiedenen Stadien der Fragmentierung und der Reanimation:

der initiale Zustand von Ganzheit, das Zerfallen in die Einzelteile und deren

Wiederzusammenführung und Metamorphose – ein genuin musikalischer Prozess.

towards Osiris ist als eine eigenständige Orchesterstudie aufzufassen, die erste Materialien komponiert,

die später in einem größeren Orchesterwerk weiterentwickelt werden, welches im Jahr 2008 in Chicago unter der

Leitung von Pierre Boulez uraufgeführt werden soll. Das vorliegende Fragment befindet sich also noch

„auf der Reise“ – hin zu einem Stadium größerer Zusammenhänge,

welches Osiris als eine der komplexesten Figuren der ägyptischen Mythologie in musikalischer Form erfassen soll.           

           

Matthias Pintscher

 

 

 

 

Hérodiade-Fragmente

 

Dramatische Szene für Sopran und Orchester. Text von Stephan Mallarmé (französisch) (1999). BA 7697, Aufführungsmaterial leihweise

 

Besetzung: 3 (2. auch Picc, 3. auch Picc und BFl), 2, 3 (2. auch Es-Klar, 3. auch BKlar), 2, Kfag - 4, 3, 3, KbTub - Hfe, Klav, Cel - Schlg (6) - Str (14, 12, 10, 8, 6) / 24 Minuten

 

Uraufführung am 4. Dezember 1999 in Berlin: Berliner Philharmonie, Christine Schäfer (Sopran), Berliner Philharmonisches Orchester, Leitung Claudio Abbado

 

 

 

Dunkles Feld - Berückung

 

Szene für großes Orchester (1993, rev. 1998). BA 7351, Aufführungsmaterial leihweise

 

Besetzung: Picc, 2 (2. auch Picc), BFl, 2, Eh, Heckelphon, EsKlar, 3 (3. auch KbKlar), BKlar, 3, Kfag - 6 hoch-D-Trp, 4 (4. auch BTrp), 4, 2 - Pk, Schlg (6) - 2 Hfe, Klav, Cel/elOrg (HammondOrg) (1) - Str (mindestens 14, 12, 10, 12, 9) / 23 Minuten

 

Produktion am 18. April 1994 in Berlin (DeutschlandRadio): Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Leitung Matthias Pintscher

 

Uraufführung am 13. März 1999 in Berlin, 17. Musik-Biennale: Konzerthaus Berlin, Berliner Symphonie-Orchester, Leitung Johannes Kalitzke

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fünf Orchesterstücke

 

(1997). BA 7396, Aufführungsmaterial leihweise, Studienpartitur käuflich

 

Besetzung: 3 (1. und 2. auch Picc, 3. auch BFl), 2, Eh, 2 (1. auch Picc-Klar, 2. auch KbKlar), BKlar, 2, Kfag - 4, 4, 3, KbTub - Schlg (5; 5. auch Pk) - 2 Hfe, Klav (Konzertflügel), Cel (auch Synthesizer) - Str (14, 12, 10, 8, 6; fünfsaitig) / 20 Minuten

 

Uraufführung am 1. August 1997 in Salzburg, Salzburger Festspiele: Philharmonia Orchestra London, Leitung Kent Nagano

 

 

Choc (Monumento IV)

 

Antiphonen für großes Ensemble (1996). BA 7383, Aufführungsmaterial leihweise, Studienpartitur käuflich

 

Besetzung: 1 (auch Picc und BFl), 1 (auch Eh), 1 (auch BKlar), BKlar (auch KBKlar), 1 (auch Kfag) - 1, 2 (1. auch D-Trp), Ten-B-Pos, 0 - Schlg (3) - Hfe, 2 Klav (2. auch Cel) - Str (4 V, 2 Va, 2 Vc, Kb; fünfsaitig) / 20 Minuten

 

Uraufführung am 2. Juni 1997 in Köln, MusikTriennale: Kölner Philharmonie, ensemble modern, Leitung Jonathan Nott

 

 

Devant une neige (Monumento II)

 

für Orchester (1993). BA 7352, Aufführungsmaterial leihweise, Studienpartitur käuflich

 

Besetzung: 3 (2. und 3. auch Picc), 2, Eh, 2 (2. auch Es-Klar), BKlar, 3, Kfag - 4, 4, 4, 1 - Pk, Schlg (3) - Hfe, Klav (auch Cel) - Str (mindestens 12, 10, 8, 6, 5; fünfsaitig) / 23 Minuten

 

Uraufführung am 28. November 1993 in Darmstadt: Orchester des Staatstheaters Darmstadt, Leitung Hans Drewanz

 

1. Aufführung der revidierten Fassung am 12./13. Mai 1996 in Frankfurt: Alte Oper, Opernhaus- und Museumsorchester Frankfurt, Leitung Sylvain Cambreling

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Invocazioni

 

per orchestra sinfonica da strumenti a fiato (1991). BA 7353, Aufführungsmaterial leihweise

 

Besetzung: 2 Picc, 4, 2, Eh, Es-Klar, 4, 2 BKlar, 2 A-Sax, 2 T-Sax, Bar-Sax, 3 - 4, 4, Flügelhorn, 2 THn, 2 Baritone, 2 T-Pos, B-Pos, Es-Tub, 2 B-Tub - Pk, Schlg (5) / 15 Minuten

 

Uraufführung am 28. August 1992 in Aalen (SDR), 1. Inter-nationale Bläsertage: Banda Primitiva da Lliria (Valencia), Leitung Matthias Pintscher

 

- Erweiterte Fassung

(1993). BA 7354, Aufführungsmaterial leihweise

 

Besetzung: 2 Picc, 8, 4, Eh, Es-Klar, 8, 2 BKlar, 2 A-Sax, 2 T-Sax, Bar-Sax, 6 - 4 (ad lib. auch 8), 4, Flügelhorn, 2 THn, 2 Bariton, 2, T-Pos, B-Pos, Es-Tub, 2 B-Tub - Pk, Schlg (5) / 15 Minuten

 

Uraufführung am 11. Juli 1994 in Le Havre (Frankreich), Festival "Coups de Vents": Musique de la Police Nationale

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ORCHESTERWERKE MIT SOLIST

 

 

Transir

 

für Flöte und Kammerorchester (2005/2006). BA 9700, Aufführungsmaterial leihweise